Sporteinlagen

Als von orthopädischen Einlagen geplagtes Kind waren Einlagen im Erwachsenenalter, bzw. so ab 15, ein No-Go. Unsexy und Zeichen körperlicher Unvollkommenheit – selbst wenn sie “WINSOLE” gehießen hätten. Blödsinn!

Erst mit 35 begann das Umdenken – als ich ohne Weichschaumeinlagen nicht mehr beschwerdefrei Joggen konnte. Diese Sporteinlagen wanderten schnell in meine Freizeitschuhe und, am ersten Tag meiner späten Rennradkarriere, in die Radschuhe.

Seither hatte ich viel über den positiven Effekt von Radschuheinlagen gelesen und fühlte mich bestätigt. Ich hatte welche. Alles richtig gemacht!

Radschuh-Einlagen

Runder Tritt / Links-Rechts-Verteilung

Übrigens war ich immer stolz auf meinen “runden Tritt”. Seit ich mit beidseitigem Powermeter fahre, achte ich auf die Links-Rechts-Verteilung. Gut, mein linkes Bein war immer etwas schwächer, aber mit Konzentration schaffte ich schon 47/53 oder auch mal 49/51. Nur wenn ich mich nicht konzentrierte, waren es am Ende 43/57 oder 44/56.

Aber eigentlich konnte mein linkes Bein so schwach nicht sein. Beim winterlichen Krafttraining merkte ich keine Unterschiede zwischen links und rechts; im Gegenteil

Was mir aber immer wieder auffiel: Links war ich wesentlich anfälliger für Verhärtungen im Oberschenkel, Krämpfe im Wettkampf …

Fußschmerzen / Fußbrennen

Dann kam die Vätternrundan 2017. 300 km um den See, am Stück. Meine achte Teilnahme. Ich hatte alles schon erlebt. Fast alles. Nach ca. 200 km begann der linke Fuß im vorderen Bereich zu schmerzen. Wie genau, kann ich gar nicht beschreiben. Ein dumpfer Schmerz und ich hatte das Gefühl als würde ich im Blut stehen. Dem war natürlich nicht so. Ich lockerte die Schuhschnürung, wackelte permanent mit den Zehen … aber egal was ich tat, der Schmerz ließ nicht nach. Die letzten zwei Stunden des Wettkampfs waren die Hölle.

Im Ziel, kaum fünf Minuten vom Rad, war vom Schmerz nichts mehr zu spüren. Auch als ich eine Stunde vom Ziel zurück zum Campingplatz radelte, blieb der Fuß beschwerdefrei.

Für mich war die Ursache klar. Der Schuh. Entweder war der Suplest-Schuh zu fest geschnürt gewesen, oder er passte doch nicht so ideal wie beim Kauf angenommen.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Nach der Vätternrundan 2017 war meine sportliche Radsaison beendet und ich fuhr nur noch zum Spaß meine lockeren, kurzen Runden. Auch über den Winter hatte ich bei meinen max. neunzig minütigen Trainings auf dem Wahoo KICKR keinerlei Beschwerden, was den linken Fuß betraf.

Selbst im März auf Mallorca waren Einheiten von 150 km kein Problem. Damals merkte ich aber schon, dass der linke Oberschenkel eigentlich dauerhaft verhärtet war. Auch fiel es mir immer schwerer, mit einer einigermaßen akzeptablen Links-Rechts-Verteilung zu treten. Beides erklärte ich zunächst mit meiner Fußheberteilparese, die seit Februar meinen rechten Fuß – und mich – plagte.

Die Fußherberteilparese war im April Geschichte. Die muskulären Probleme im linken Oberschenkel blieben. Mein Physio hatte allen Hände voll zu tun.

Dann kam der Mai. Am ersten Wochenende 100 km Ausfahrt. Nach 90 km Schmerzen im vorderen Teil des linken Fußes, genau wie bei der Vätternrundan 2017; nur schon viel früher. Die Ursache schien sofort ausgemacht: Der Suplest-Schuh, den ich wie bei der Vätternrundan am Fuß hatte.

Die Woche drauf, wieder 100 km, wieder Schmerzen – aber ein anderer Schuh. Mein Northwave Extreme RR, das Topmodell der Italiener, passt aufgrund der fantastischen Schnürung wie eine zweite Haut. Am Schuh konnte es also kaum liegen.

Nun schaute ich mir interessehalber die L/R-Verteilung bei den 300 km der Vätternrundan 2017 an. 42% zu 58%. Irgendwie musste das zusammen hängen.

42/58 L/R-Verteilung
42% zu 58% Verteilung auf den 300 km der Vätternrundan 2017

Jens Machacek

Als es vor Jahren kaum Bikefittingspezialisten gab,  hatte ich in den Fachmagazinen häufig von Jens Machacek gelesen. Jens, so hatte ich in Erinnerung, ist Experte in Sachen “Fahrradbiometrie”, was ich bisher mit “Bikefitting” gleich gesetzt hatte. Das stimmt nur bedingt, aber mehr dazu in einem anderen Artikel. Jens, so hatte ich dunkel in Erinnerung, kennt sich auch mit Einlagen aus. Außerdem erinnerte ich, dass er irgendwo im Rhein-Main-Gebiet ansässig war.

Auf Facebook war Jens schnell gefunden. Beim Sonntagskaffee im Garten, schnell eine Facebook-Nachricht geschickt  und das Problem mit dem schmerzenden Fuß geschildert.

Wenige Minuten später, wie gesagt an einem Sonntagnachmittag, die Antwort und eine kurzfristige Terminvereinbarung für die kommende Woche in Bad Homburg, wo Jens in den Räumen von Rosenkranz und Scherer arbeitet.

Bis zum Termin konnte ich mich im Internet über die Einlagen und Fahrradbiometrie schlau machen.

WINSOLE

Die WINSOLE, so lernte ich, ist eine Radsporteinlage, die auf einer Carbonschale aufbaut. Sie soll das Knie stabilisieren und dem Durchschnittssportler bis zu 38 Watt Leistungszuwachs bringen; Profisportlern noch mehr.

A propos Profisportler. Sogar Weltmeister geben sich bei Jens die Klinke in die Hand. Die WINSOLE, so erzählte mir Jens beim Termin, ist nämlich für die Olympiade 2012 in einer Zusammenarbeit zwischen Jens und FES für die deutsche Bahnradnationalmannschaft entstanden.

Aha-Erlebnis

Rosenkranz Scherer

Mitte Mai, kaum vier Wochen vor der Vätternrundan 2018, stand ich mit einem Rezept meines Arztes (Spezial- oder Kopieeinlagen, langsohlig, nach Negativabdruck) bei Jens auf der Matte.

Viele Fotos habe ich an dem Tag gar nicht gemacht. Ich kam als Patient, nicht als Blogger.

Jens wusste von meinen Fußschmerzen, nicht aber von meinen Verhärtungen im Oberschenkel. Aber er konnte es aus meiner alten Einlage lesen, was mich sehr beeindruckte.

Alte Einlage
Jens liest die alte Einlage

Seine Vermutung, nach dem ersten Blick auf die Einlage, laienhaft von mir wiedergegeben: Das Fußgewölbe im Vorfuß ist nicht mehr richtig intakt/stabil. Statt mit dem Großzehgelenk bringe ich den Druck mit dem gesamten Vorfuß aufs Pedal. Das sieht man wohl an der dunklen Stelle in der Mitte.

Aber damit nicht genug. Um das instabile Gewölbe zu stabilisieren, krallen die Zehen, damit ein Gewölbe entsteht.

Soweit, so gut. Jens erklärte, dass ich, so wie die Einlage aussieht, bei jeder Pedalumdrehung das Knie nach innen drücke, um Druck vom mittleren Teil des Vorfußes auf das Großzehengelenk zu lenken. Das bedeutet Belastung für die Oberschenkelmuskulatur und führt zu muskulären Problemen. Bingo! Sollten meine Muskelverhärtungen damit begründet sein?

Wie auch immer, Jens nahm einen normalen Abdruck von meinen Füßen, sowie einen 3D-Abdruck, mit einer Schaumplatte, auf die ich mich stellen musste.

Dann war ich schon fertig – und meine Einlagen wenige Tage später, weil Jens wusste, dass es für mich bald nach Schweden gehen würde.

Die Offenbarung

Schon beim ersten Training mit den WINSOLE-Einlagen war ich angenehm überrascht. Wie viel besser fühlten sich meine Füße an – v.a. der linke? Stabilität, die ich nicht kannte, keine Schmerzen, eine gute L/R-Verteilung.

Die Vätternrundan kann kommen, dachte ich. Und sie kam auch. Dass ich auf 300 km eine 50/50-Verteilung hatte, mag reiner Zufall sein. Es hätte auch 49/51 oder 48/52 raus kommen können. Es wäre immer noch der Beweis, dass die WINSOLE mich wieder zum Runden Tritt geführt haben.

50/50 L/R-Verteilung
50/50 L/R-Verteilung bei der Vätternrundan 2018

Übrigens waren es im Durchschnitt 157 Watt auf die 300 km. Wenig. Ich war  aufgrund der verschiedenen Bein- und Fußproblematiken 2018 nicht fit. Aber es waren genau 10 Watt mehr als 2017, als ich körperlich fitter war.

Außerdem habe ich, seit ich  WINSOLE fahre, keine nennenswerten Muskelverhärtungen in linken Oberschenkel! 

Fazit zur WINSOLE

Für mich sind die WINSOLE-Einlagen eine Offenbarung und der Grund, warum ich wieder Spaß an Strecken >100 km habe. 199 EUR, falls man ohne Rezept kommt, sind gut investiertes Geld. Ich hätte schon vor 10 Jahren zu Jens kommen sollen, statt auf meine “Weichschaumeinlagen” zu vertrauen. 

Wo gibt es die Dinger?

Jens fertigt die WINSOLE-Einlagen von Hand in Bad Homburg. Allerdings gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz Partner, die Abdrücke nehmen und mit Jens zusammen arbeiten. Einen WINSOLE-Partner gibt es bestimmt auch bei Dir in der Nähe.

Jens Machacek, WINSOLE, mit CyclingClaude
Jens beim Einstellen der Schuhplatten

Mittlerweile war ich auch bei Jens zur Fahrradbiometrie, bei der er nicht nur meine Schuhplatten optimal eingestellt hat. Die Biometrie ist für 159 EUR zu haben, inclusive elektronischer Sattel- und Pedaldruckmessung! Aber dazu später mehr …
Wenn Du aber ganz neugierig bist, im Blog-im-Blog hatte ich schon etwas darüber geschrieben.

2 Kommentare
  1. Götz Bohl sagte:

    Hallo Claude,
    Danke für Deinen Erfahrrungsbericht, der mich darin bestärkt hier auch einmal Jens oder seine Kollegen aufzusuchen und sei es erst einmal nur für das Bikefitting. Ich fahre seit einigen Kahren Brevets bis 400 und musste bei zwei 600ern aufg. Knie und sonstigen Beschwerden aufgeben, die ich bei 400ern nicht hatte.

    Viele Grüße und danke für Deine Berichte

    Antworten
    • Claude sagte:

      Ich bin gespannt, was Du schreibst, wenn Du die Einlagen hast. Ggf. würde ich auch zur Fahrradbiometrie bei Jens raten. Die Pedal- und Satteldruckmessung war bei mir sehr aufschlussreich.

      Antworten

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