Halvvättern 2015

Hammer Wind

Meine Herren, was war denn das für ein Ding am Sonntag?

Wettermäßig hatte ich in Schweden ja schon einiges erlebt, aber so einen Wind mit Sturmböen?

Freitagabend konnte man noch sagen ’still ruht der See‘. So glatt hatte ich den Vättern noch nicht erlebt.

Samstagabend hatten wir dann mit 10 m/s bzw. 36 km/h, schon ziemlich starken Wind und es war wolkig und kühl.

Für den Sonntag des Halbvättern waren 13 m/s voraus gesagt, also Windstärke 6 bzw. 47 km/h.

Gut vorbereitet gingen zunächst Jenny und Jens an den Start.

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Wir folgten um 10:26 Uhr – etwas zu leicht bekleidet, wie ich später feststellen musste.

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Dieses Jahr wurde von einem neuen Platz aus gestartet, wohin wir von Zeltplatz zügig hin gefahren waren. Positiv zu erwähnen sind die drei neuen Toilettenwagen mit Wasseranschluss und richtigen Porzellanschüsseln – alles sauber und kein Vergleich zu den bisherigen Schweden-Dixis.

Der Start selbst ist jetzt etwas seltsam. Die Bispmotalagatan ist in drei Startblöcke geteilt, die schlauchartig bis kurz vor’s Ende der Straße laufen.

Leider macht es nun nicht mehr ‚piep, piep, piep, piiiiep‘ wenn es los geht und man muss gleich um eine 90-Grad-Kurve. Auch das traditionelle Ansagerhäuschen hat mir gefehlt, genau wie die persönliche bzw. namentliche Begrüßung einiger Teilnehmer pro Starterfeld.

Es gab auch keine Motorradeskorte raus aus der Stadt, wobei das bei der neuen Streckenführung nicht mehr notwendig ist.

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Nun aber zum Rennen, das ja eigentlich eine große RTF ist.

Stefan, Thomas und ich legten anfangs gut los und schlossen uns schon nach wenigen Kilometern einer schnellen Truppe an, die trotz heftigem Gegenwind einen 33er Schnitt fuhr.

Ich fühlte mich aber schon nach wenigen Kilometern saft- und kraftlos. Wie schon beim letzten RTF bemerkt, schien mir die Antibiotikabehandlung und der insgesamt verkorkste Mai noch in den Knochen zu stecken. Statt Bums hatte ich Pudding in den Beinen – gefühlt sogar mehr, als noch die Woch zuvor.

Überprüfen konnte ich es aber nicht, weil sich pünktlich zum Start die Batterien der Garmin-Vector-Pedale verabschieded hatten.

Vielleicht war ich es ja auch einfach zu schnell angegangen?

Stefan und Thomas wollten bei mir bleiben, aber damit hätte ich mich schlecht gefühlt. So bin ich dann erst mal in einen Seitenweg eingebogen um zu schauen, was mit den Vector-Pedalen los ist. Nach fünf Minuten gab ich es aber auf und fuhr zurück auf die Strecke.

Nun war ich alleine im Wind. Zu schnell für die unzähligen Schweden und Schwedinnen auf ihren alten Trekkingrädern, für die der Halbvättern die Herausforderung des Lebens ist, aber zu langsam für die schnellen Gruppen, mit denen ich in den Vorjahren mithalten konnte.

Direkt nach dem ersten Depot, das ich natürlich liegen ließ, kamen die Anstiege. Im Wald war der Wind nicht mehr so stark aber meine Puddingbeine erlaubten kein flottes Klettern.

Bei km 50 begann ich zu zweifeln, ob ich die 150 km überhaupt schaffen würde; von einer Zeit unter fünf Stunden ganz zu schweigen.

So beschäftigte ich mich gedanklich immer nur mit den nächsten zehn Kilometern und kämpfte alleine vor mich hin.

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Mittlerweile war es mit 9 Grad so kalt geworden, dass ich meine Regenjacke drüber ziehen musste … und dennoch fror. Pinkeln war ich übrigens auch schon das dritte Mal. Alles also sehr seltsam.

Bei km 78 überholte mich eine Gruppe, die nicht ganz so flott war.  In der Gruppe fuhr ein junges Mädel mit kurzer Hose, kurzem Trikot und Armlingen. Der war es wohl nicht zu kalt.

Wenn die da mit kommt, sollte mir das doch auch ne Weile gelingen, dachte ich, zumindest bis ich die 80 km voll habe.

Gefolgt bin ich der Gruppe dann bis zum Depot, etwa bei km 100, wo sie raus fuhren.

Kurz vorher hatte die Strecke gedreht, sodass ich den starken Wind jetzt komplett im Rücken hatte – und die Sonne war mittlerweile auch endlich da.

Kurz angehalten, um die Regenjacke wieder zu verpacken ging es dann auf die wilde Hatz. Der Wind blies so stark, dass ich locker über 45 km/h fahren konnte, ohne irgendein Hinterrad vor mir zu haben.

Vier Stunden waren vorbei und ich hatte noch 45 km vor mir. Sollte der Wind so bleiben, waren die magischen 5 Stunden vielleicht doch noch machbar.

So gab ich Vollgas, zumindest was mit Gummibeinen möglich war. Meine Maximalgeschwindigkeit lag bei 54 km/h in der Ebene, im Unterlenkergriff. Gerade hatte ich meine Arme auf den Oberlelenker gelegt, mit den Daumen locker an den Köpfen der Bremsgriffe, so wie man es von den Profis kennt, kam die erste Windböe, die mir fast die Arme vom Lenker riss.

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Mein Puls war schlagartig auf 180 und ich ging sofort in den Unterlenker, mit festem Griff. So ballerte ich weiter bis Skänninge, bei km 125.

Dort war es dann schlagartig vorbei mit der Freude.

Die Strecke knickte nach links ab und der heftige Wind traf mich Breitseite links. An schnelles Fahren war nicht mehr zu denken. Alle Fahrer lehnten sich stark nach links, dem Wind entgegen.

Dann traf mich die erste Böe, vielleicht fünf bis zehn Sekunden, gefühlt aber viel länger. Trotz extremer Seitenlage schob mich der Wind derart kräftig zur Seite wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Nach zwei Sekunden fuhr ich um einen Meter versetzt, direkt an den Straßenrand gepustet, und stemmte mich heftigst nach links. Irgendwie konnte ich das Rad gerade noch auf der Straße halten. So ging das fast bis ins Ziel. Aus Schiss reduzierte ich mein Tempo – manchmal bis runter auf 20 km/h.

Vielleicht war das ein Fehler, weil man ja mit wachsender Geschwindigkeit spurstabiler wird. Aber ich traute mich einfach nicht.

Mit einer Bruttofahrzeit von 5:17 h war ich dann im Ziel – heilfroh angekommen zu sein – auch wenn es für die Sub-5 diesmal nicht gelangt hat … und Nettozeiten sind irrelevant, wenn man kein ‚Zeiten-Poser‘ ist.

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Hauptsache angekommen, auch wenn diesmal nicht alles Spaß gemacht hat, denke ich.

Hoffentlich kehren die Kräfte bis Freitag ein wenig zurück, damit ich gut um den See komme. Die Strecke ist ja doppelt so lang. Respekt habe ich jetzt umso mehr, auch wenn ich das Ding schon fünfmal gefahren bin.

Bleibt zu erwähnen, dass alle gut ins Ziel gekommen sind, Thomas sogar Sub-5.

Abends, nach einigen Bierchen und Túnel, nickte ich um kurz vor Mitternacht auf meinem Campingstuhl ein und ging schlafen; begleitet von einem geschmetterten Geburtstagslied, pünktlich um Mitternacht, zu meinem 50.

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