Vätternrundan? Es geht nur um mich! Nur um meine Grenzen!

Emotion pur!

Gestern las ich auf Facebook den Bericht von Katrin, die schon zweimal auf CyclingClaude Bücher vorgestellt hat.

Katrin ist gerade aus Schweden von der Vätternrundan zurück. Ihr emotionsgeladener Bericht auf Facebook hat mich fasziniert. Sie schreibt auf den Punkt, um was es dort geht.

Danke Katrin für diesen Text. Er ist sehr #lesenswert.

Über Katrin:

Katrin Kretschmer, 30 Jahre alt, arbeitet im Management eines sozialen Trägers und macht ansonsten radelnd das Ruhrgebiet auf RTF und Marathonstrecken unsicher.

Vätternrundan 2017

Auf meiner Liste mit Dingen, die ich irgendwann gerne mal erleben möchte, stand schon seit Längerem die Vätternrundan in Schweden. Aus einem kleinen Marathon des Dorfvereins wurde dank der Begeisterung und Unterstützung eines ganzen Landes ein Event, der Extraklasse: mit mittlerweile 20.000 Startern aus 43 Nationen auf der Hauptstrecke und nochmal ganz vielen auf den Begleitstrecken ist die Runde um den See das Größte Jedermannrennen der Welt und trotzdem bekannt dafür, extrem entspannt, unkompliziert und wunderschön zu sein.

Das wollte ich mit eigenen Augen sehen!

Um einen Startplatz zu bekommen braucht man allerdings viel Glück. Nach wenigen Minuten sind die Plätze meist weg. Am Startort eine vernünftige Unterkunft zu bekommen ist auf Jahre schier unmöglich und mit einer Anfahrt von über 1000 km und mehreren Fähren erschien mir das alles doch wenig entspannt. Durch den Tipp meines Vereinskollegen Maik Wagner erfuhr ich jedoch von einer privat organisierten Reisegruppe von Axel Jackisch. 50 Personen die gemeinsam im Bus mit Radanhänger dort hinfahren. Unterkunft , Startplatz – alles dabei. Für wenig Geld kauften wir uns quasi von allen Sorgen frei. Und Zack – waren wir angemeldet !

So standen zwischen mir und dem Abenteuer Vätternrundan nur noch das Training. 300 km und 1800 hm müssen erstmal bewältigt werden. Für den ein oder anderen sicher kein Problem. Ich saß aber nach 13 Jahren Abstinenz noch nicht mal ein Jahr wieder auf dem Rennrad und habe ein verdammt kaputtes Knie. So können 300 km ganz schön lang werden.

Das erste Mal in meinem Leben wollte ich nun das Ganze gezielt angehen und wagte den Versuch eines Trainingsplans. Acht Monate trainierte mich Dust In von unserem Sponsor bewegungsfelder. Und ich entdeckte eine ganz neue Welt: einbeinig fahren, Trittfrequenzpyramiden und lauter so ein Zeug. Zu Anfang quälte ich mich noch sehr durch das Rollentraining. Doch mit zunehmenden Fortschritten machte es richtig Spaß. Im Trainingslager auf Mallorca spulte ich so 1000 km und knapp 10.000 hm ab und war stolz wie Oskar. Jedes Mal wenn ich mit meiner Vereinskollegin Christina Smolen trainierte, bemerkte sie Fortschritte. Ich wurde schneller und brauchte weniger Regeneration. Dustin motivierte mich, aber er quälte mich auch .

Mit meinem Freund Jörg Ind und zahlreichen tollen Menschen aus meinen Vereinen Essener Radsportgemeinschaft 1900 e.V. und RSC Fuldabrück e.V. trainierte ich bei vielen RTF, unzähligen Hausrunden … In 2017 sollten es bis zur Vätternrundan 4700 km werden. So viel bin ich letztes Jahr im ganzen Jahr gefahren. Und ich muss zugeben – die Angst vor der Strecke hat mich getrieben, denn noch immer gehören Dinge wie GA2-Intervalle in den Kasseler Bergen, 190 km Ruhrtalradweg im strömenden Regen oder 2 h Rollensessions nicht zu meinen favorisierten Freizeitbeschäftigung.

Aber ich hatte auch großartigen Spaß – wie bei der ersten RTF in Schwalmtal, beim Marathon in Griesheim oder der Muttentalrunde mit dem Vereinsmädels.

Zwischendurch gab es noch ganz andere Hürden zu bewältigen. Wie transportiere ich eigentlich meine Klamotten um den See? In Schweden kann es Nachts ja durchaus kalt sein und tagsüber heiß. Wohin mit dem Kram? Ich bestellte bike24 leer und testete an meinem Rad zahlreiche Taschenvarianten. (Am Ende fuhr ich übrigens mit meiner uralten Lenkertasche und meiner durchaus auch schon gut gebrauchten Rahmentasche..)

Wie und wo den Garmin laden (Akkupack in der Rahmentasche!) und wie viele Gels, Getränke, Riegel brauch ich eigentlich? Und welche? (Ultrasports – alles sehr gutes Zeug!) Für all diese Fragen gab es die Facebookgruppe Vätternrundan (Deutsch/German/Tysk) in der mir unglaublich viele tolle Leute rund um Claude Walter von CyclingClaude – Der Blog für Kettenhelden immer wieder geholfen haben.

Und dann kam der Formtest: ERG2Nordsee:
Ein Marathon der 333 km von Essen an die Nordsee führt. Im Gegensatz zur Vättern ganz flach, in einer geführten Gruppe und mit eigenem Begleitbus. Die Light-Version sozusagen.
Ich sah, dass das Training hat gewirkt hatte. Konditionell machte mir die Tour nichts aus. Ich sah aber auch, dass ich noch einiges verbessern musste. Mein Knie machte ordentlich Probleme und ich fuhr 200 km mit Schmerzen, die nur noch von meinem Hintern übertroffen wurden, der mich irgendwann im Stehen fahren ließ.

So wurde in den nächsten Wochen am Setup des neuen Radels (man gönnt sich ja sonst nichts!) gefeilt. Ein anderer Sattel drauf usw. Und dann war es soweit:

Es ist Mittwoch der 14.06.2017: Ich hole meinen Vereinskollegen Maik zu Hause ab. Wir verladen unsere Radtaschen und Koffer ins Auto und düsen nach Bremen. Auto im Parkhaus geparkt und ab mit den Taschen zum Busbahnhof. Rechts der Radkoffer, links der Klamottenkoffer, auf dem Rücken der Rucksack.Schon produzieren wir den ersten Muskelkater der Reise (konnte doch keiner wissen dass so eine voll gepackte Radtasche so verdammt schwer ist !!)

Am Busbahnhof treffen wir auf zahlreiche Damen und Herren, die das gleiche Abenteuer vorhatten wie wir. Die Räder werden verladen und wir sammeln in Hamburg und Lübeck noch weitere Mitfahrer ein. Mit meinen 30 Jahren bin ich die Jüngste an Bord. Der typische Mitfahrer ist männlich, Mitte 50 und hat 1-7 Mal teilgenommen. Und schon auf den ersten km wird uns klar: die Runde scheint süchtig zu machen. Die meisten hier kennen sich untereinander, weil sie schon zahlreiche Jahre mitfahren. Und das obwohl es bei der Vätternrundan schon sehr oft durchgängig geregnet hat. Von 18 bis 8 Uhr sitzen wir im Bus mit zwei Fährunterbrechungen. Die Gespräche drehen sich um die Rundan, die Rundan letztes Jahr und die Rundan 🙂

Am Donnerstag kommen wir in Schweden in unserer Herberge direkt am See an, schrauben die Räder zusammen und – was sonst – gehen erstmal radeln. Schnell finden sich passende Kleingruppen. Wir machen eine 55 km Tour mit ausgiebiger Kaffeepause inklusive schwedischem Kuchen (wird ja morgen wieder abtrainiert!). Vorbei an roten Holzhütten, den typischen Briefkastensammlungen an den Straßenrändern, Feldern, Wäldern und kleinen Dörfern. Wunderschön!

Mittlerweile drehen sich die Gespräche um bisher erlebte Radabenteuer und noch geplante Radabenteuer. Meine Liste wächst innerhalb von Stunden um ein Vielfaches an!

Nach einem Mittagessen aus original schwedischem Fisch und Brot vom Kiosk nebenan, einem Schläfchen und Abendessen, genießen wir einen der schönsten Momente dieser Woche. Wir sitzen mit Dosenbier aus Deutschland (ja Alkohol ist in Schweden unglaublich teuer) am Wasser. Die Sonne steht dank Midsommar trotz 20 Uhr noch ganz oben am Himmel. Es ist warm. Die Gespräche drehen sich nun nur noch um die Klamottenauswahl für die Rundan, das Wetter für die Rundan (ich kenne nun 17 neue Wetter Apps!), den Wind auf der Rundan, die Strategie mit der man fährt.

Hier ist alles dabei. Leute die unter 9 Stunden fahren wollen, Leute die nach der Rundan mit dem Rad noch von Schweden nach Italien fahren, Leute die die Rundan mit dem Mountainbike fahren und Leute wie wir – die genießen wollen.

Wir sitzen und reden.  Die Mücken schwirren. Es riecht nach Maiks Killer-Mücken-Zeug. Die Wellen plätschern.

Und die Welt ist in Ordnung. Life is a beautiful ride.

Ich genieße den Augenblick .

Am Freitag fahren wir nach dem Frühstück nach Motala zur Marathonmesse. Und wer jetzt denkt, das wäre hektisch und überlaufen, wie bei vielen deutschen Radevents, der liegt falsch. Trotz über 20.000 Startern ist hier schwedische Entspannung angesagt. In ein Zelt gehen, Startcard unter einen Scanner halten – piep – von einem freundlichen Schweden die Nummer bekommen – ins nächste Zelt gehen – freundliche Schwedin testet den Helmchip – piep – 60 Sekunden fertig.

Prima! Dann geht’s zum Shopping. Nach dem wir uns mit genügend Angebermaterial und Geschenken für zu Hause eingedeckt haben, schlendern wir über die Stände. Trek, Bianchi, Oakley, Craft – das Who-is-who der Radszene ist dabei – mit riesigen Ständen rund um die Bühne. Und das Ganze natürlich – direkt am Wasser, am Vätternsee. Motala im Radfieber. Aber eher so entspanntes Fieber mit auf der Wiese liegen, Musik hören … schwedische Entspannung halt.

 

Wir sehen die Startboxen, wir sehen das Ziel – ich kriege Gänsehaut. Das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein, macht sich breit.

Nach einer schwedischen Zimtschnecke und Lakritzeis (das ist hier der Renner, aber mich überzeugt das nicht!) geht’s im strömenden Regen zurück zum Bus.

Betriebsamkeit macht sich breit: Wir bauen die Räder auf, packen die Taschen, verladen sie, legen Klamotten raus… Aber wir schon die ganze Zeit: ohne Hektik, ohne Stress. Alle helfen sich gegenseitig mit Dingen aus. Die alten Hasen geben Tipps (Regenjacke – fahre NIEMALS ohne Regenjacke) und schließlich kriechen alle nach der tollen Lasagne des Herbergsvaters ins Bett.

Ich kann nicht schlafen. Draußen ist es hell (für die Stadtkinder: Midsommar ist keine Erfindung von Ikea um mehr Köttbullar und Billy zu verkaufen – das gibt’s wirklich). Ich denke an die Starter die jetzt schon unterwegs sind. Denn der erste Start ist um 18 Uhr und von da an starten die ganze Nacht je 70 Personen im Zweiminutentakt bis 7 Uhr morgens . Von 11-12 starten dann nochmal die Sub-Seven-Teams, also die ganz Schnellen .

18 Uhr Start bedeutet Party. Die Vätternrundan ist ein Event der Schweden für die Schweden Am Rand stehen in mehreren Reihen die Fans.Sie trinken, jubeln, feiern. Eine einzige Party. In Jönköping ist die Partymeile. Da wird die komplette Strecke von der Polizei gesichert um die Fahrer zu schützen.

All das werden wir nicht mehr erleben. Wir starten um 5 Uhr. Da ist die Party vorbei. So traurig ich auch darüber bin, so froh bin ich, nicht am Freitag im Regen fahren zu müssen. Und vor allem nicht durch die Nacht. Ab drei Uhr ist es schon hell.

Ich stelle mir die Frage der Fragen: Warum? Warum tue ich das?
Warum Reise ich 20 Stunden an  bleibe 3 Tage in Schweden, nur um mich 300 km zu quälen?

Ich denke an Pierre Bischoff und wie verrückt das ist, was er tut, oder an Andreas Beseler und seine Truppe, die ganz andere Sachen schaffen. Da sind 300km  doch ein Klacks.

Aber ich denke auch an Freunde oder Arbeitskollegen, die immer wieder Fragen, wie viele Tage ich denn für die Strecke brauche. Warum belasse ich es nicht wie die bei 50 km mit dem Stadtradeln?

In meinem Kopf wird es philosophisch. Doch irgendwann wird mir die Antwort klar.

Warum ich das mache?
Die Vätternrundan ist die Grenze zwischen „kann ich schon“ und dem was ich vielleicht noch kann. Was ich noch nicht über mich weiß. Der Ausbruch aus dem Alltag. Der Moment an dem wirklich echtes Leben stattfindet. Die Grenze meiner Komfortzone.

Und das ist es. Es geht nicht um den Vergleich mit anderen. Es geht nicht um
„Schneller Höher Weiter“. Es geht nur um mich. Nur um meine Grenzen.

Die Angst vorher, die Aufregung, vielleicht auch die Qual und ein Kampf währenddessen, die Freude hinterher, der Stolz. Das ist nichts was man im TV sehen kann, nichts was man kaufen kann. Das geht nur in echt, in analog, selbst erlebt und gefühlt.

Das ist das echte Leben! Kein Alltag aus Arbeit, Gesellschaft, Wohnung putzen, Aufgaben und Erwartungen. Hier bestimme nur ich was ich will und was ich schaffe.

Voller philosophischer Gedanken und mit einem Lächeln über mich selbst, schlafe ich dann doch noch ein. Um 2 Uhr nachts treffe ich in der Küche auf dem Weg zu meinem Haferbrei (um 2! Ich erwarte Applaus für diese Disziplin!) Maik, der bereits brav nach Ernährungsplan von seiner Trainerin Raphaela Rührei gekocht und gegessen hat. Ich bin beeindruckt. Aber noch mehr müde. Es versammeln sich mehr Leute in der Küche. Müdes Schweigen, gequältes Essen …

Klamotten an und ab in den Bus. Der Himmel färbt sich rosa, der Nebel hängt auf den Feldern und wir sehen hunderte und tausende Radfahrer in ihren gelben Neonjacken und Lichtern auf der Strecke.
So viel Radfahrerromantik ist kaum zu ertragen. Gänsepelle Deluxe.
Mann, ist das geil!!

Wir bauen die Räder auf und kullern zum Start. Drei große Startboxen. Jeweils 70 Radler. Außen rum warten wir wie hunderte Andere auf ihren Moment.
Maik und ich vergewissern uns nochmal dass wir auch das Gleiche wollen. Der Plan ist, möglichst entspannt rum zu fahren. Wir wollen was sehen, die Zuschauer genießen, Fotos machen. Wir wollen Zeit haben, die verrückten Veteranen mit Holz Cloks zu sehen, die Treckingfahrer zu motivieren, Teil des Events zu sein. Wir wollen jedes Depot mitnehmen (und das sind ganz schön viele) und haben uns fest vorgenommen, dass wir jede Verpflegung (Blaubeersuppe , Köttbullar usw.) ausprobieren wollen. Es soll eine Genusstour werden. Der Schnitt ist uns egal. Nur den letzten Bus in die Herberge, den wollen wir erwischen. Schnell können wir ja zu Hause fahren. Dafür müssen wir nicht nach Schweden reisen (tun wir einfach mal so, als könnten wir schnell fahren, wenn wir wollten 🙂 …).

4:54 Uhr … 4:56 … und dann kommen wir in die Box. Neben uns stehen Radler mit Medaille am Rand. Die sind doch nicht etwa fertig? Bier in der Hand, Grinsen im
Gesicht – doch sie sind es!

Unser Begleitmotorrad lässt den Motor aufheulen. Die Schuhe werden eingeklickt, der Sprecher zählt runter, …3…2…1, und wir rollen los. Mittlerweile ist es hell. Wir halten uns an Holger (5. Teilnahme) Günther (4. Teilnahme  vom RCB und Anja (8. Teilnahme) vom Audax Club aus Schleswig Holstein. Die fahren unser Tempo und wir haben zumindest bekannte Gesichter bei uns.

Die ersten km sind unruhig. Die Gruppe zerfleddert, wir werden überholt, wir überholen. Wir fangen an zu kreiseln, doch die 30 Schweden hinter uns machen nicht mit. Wir fünf kreiseln tapfer weiter. Ich finde keinen richtigen Tritt, bin mir nicht sicher ob das Tempo zu schnell oder zu langsam ist. Mit einem Schnitt von über 28 kommen wir am ersten Depot an wo wir Angela, Kerstin und Klaus treffen. Wir wollen zusammen weiterfahren, aber langsamer. Zu acht machen wir uns auf den Weg und ab da kann ich genießen. Es ist extrem neblig, man kann nicht sehen wo See aufhört und wo Nebel anfängt. Die Brillen beschlagen, unsere Arme sind nass. Aber es ist wunderschön. Für Fotos waren wir da noch nicht eingespielt genug. Aber die Bilder im Kopf kann man sowieso nicht digital abbilden. Es war gespenstisch und wunderschön gleichzeitig.

Das tolle an der Rundan sind die gesperrten Strecken, entweder ganz gesperrt oder die Spuren sind geteilt , sodass auf einer Seite Autos auf der anderen Radler fahren. Viel Zeit verbringt man aber auch auf Nebenwegen. Viele Autos haben wir nicht getroffen.
Dafür Ordner an jeder Kreuzung, jedem Kreisel und jeder gefährlichen Stelle, die uns freundlich winkend den Weg weisen. Auf der Stecke kreisen Safetycars, die bei Pannen helfen oder nach einem Sturz transportieren. An jedem Depot kann man aussteigen und wird zum Start transportiert.
Entspannter kann man gar nicht Radfahren. Quasi mit Netz und doppelten Boden.
Brauchen wir aber nicht. Wölkchen schnurrt wie geschmiert. Und auch sonst keine Pannen in unserer Gruppe.

Dafür aber Fans am Straßenrand. Die große Party ist vorbei, aber bereits um sieben stehen tapfere Schweden mit Kindern am Straßenrand. In den Wäldern sitzen ältere Herrschaften und rufen und winken unermüdlich. Motivationsschilder am Straßenrand. Und je später es wird, desto mehr Gruppen feuern an den Hügeln an, sitzen grillend am Rand … Ihr „Heja , Heja!“ klingt mir in den Ohren und wird für immer eine Erinnerung an Schweden bleiben.

Ab und an hört man von links ein Summen wie von einem Bienenschwarm. Dann eine Klingel oder ein Rufen. Schnell haben wir verstanden, dass das die schnellen großen Gruppen sind, die nach uns gestartet sind. Rechts ran und schwupp rauscht der Zug an uns vorbei. Gruppen von 50 bis 100 Männern und Frauen in den gleichen Trikots. Eng an eng, Hände unten am Lenker, zwei Flaschen am Rahmen, drei im Trikot.

Sie unterscheiden sie sich deutlich von der Rucksack-und-Ortlieb-Taschen-Fraktion. Die wollen Tempo machen!

Sie tragen kleine Fähnchen am Helm um Ihre Kollegen schneller im Blick zu haben. Aber so schnell sie auch sind (fühlt sich an wie am Bahnsteig zu stehen wenn der ICE vorbei fährt!), sie drängeln nicht. Wir sind hier genau so viel wert wie die Schnellen. Die Rundan ist für alle da. Und sie feuern uns an – Heja Heja wird uns zugerufen. Die Vätternrundan ist ein Fest der Radler und das wird hier besonders deutlich.

Die großen Gruppen verpflegen sich selbst. Wir hingegen steuern die Depots an. Und auch hier – alles entspannt. Ich habe nicht einmal an der Toilette angestanden. Reingefahren, Rad in den Ständer hängen, Becher mit Blaubeerensuppe nehmen, Flasche auffüllen, fertig. Wer hier Zeit verbringen möchte liegt am See, auf der Wiese oder sitzt in der Eishalle in Karlsborg. Wer schnell sein will, kann das aber eben auch und hält nicht.

Zum Frühstück essen wir stilecht Köttbullar mit Kartoffelbrei. Nachmittags gibt‘s Lasagne. Ansonsten Blaubeersuppe und Brötchen. Wir hören, dass die Verpflegung schon mal besser war. Sind aber eigentlich ganz zufrieden.

Die Landschaft ist hügelig. Davor hatte ich Angst und stelle zu meinem eigenen Erschrecken fest, dass die Hügel Spaß machen. Man hat ein Ziel und kann wieder runter rollen. Mein Knie tut höllisch weh, aber mein Hintern nicht. Immerhin etwas! Wir haben Spaß in der Gruppe, genießen die Fahrt und freuen uns über schöne Aussichten, lernen uns besser kennen und kreiseln fleißig durch. Die Kilometer fliegen so dahin.
100…200…. manchmal fällt unsere Gruppe auseinander, wir warten aufeinander.

Da wir auf der Geraden ein sauberes und gleichmäßiges Tempo fahren, reihen sich viele bei uns ein wenn wir sie überholen. Die Gruppe wird größer und größer. Dann muss jemand in die Büsche und wir acht fahren rechts ran. Unsere Hintermänner schauen entsetzt. Wir werden sie noch viele Male wieder treffen.

Wir sehen wunderschöne Buchten, traumhafte Blumenwiesen, Pferde, Kühe, Wiesen und Wald.
Alles ist gut!

Das letzte Depot steht an – in Facebook-Gruppen wurde immer vom berühmten Berg vor Mediva erzählt: „man fährt rum und steht vor einer Wand.“ Klingt für den Zeitpunkt von km 280 ganz schön fies. Zu Hause hatte ich mir vorgenommen hier zu schieben. Aber nun geht es mir ja richtig gut – da kann ich auch fahren. Noch schnell einen Gel Chip gefuttert (hab ich ja dabei, muss weg!) und rum um die Ecke. Aber da ist nix mit schlimmem Berg. Nur ein Hügel. Stattdessen rast aber von hinten ein Sub-Seven-Team an mir vorbei, als wäre da gar kein Hügel. Die wechseln sogar die Führung. Unglaublich! Vor lauter Staunen fahre ich fast am Depot vorbei.

Und dann stehen die letzten 10 km an. Unsere Gruppe ist versprengt, ich rolle hinter Günter her und hab plötzlich Hunger. Eis, Pommes, Schnitzel – ich könnte alles mampfen. Die Strecke geht wellig durch den Wald und ist eigentlich sehr schön. Aber ich habe dann doch nicht so richtig Lust mehr und will endlich ins Ziel.

Nach der Zeitnahme warten wir auf den Rest und rollen zusammen durchs Zieltor. Am Rand johlt uns die Menge zu. Wir sind stolz wie Oskar, lachen und winken. Und dann hängt mir jemand eine Medaille um und wir reihen uns ein in die Reihe lachender Gesichter, die auf Socken ihre Räder durch die Gegend schieben und Bier aus Dosen trinken.

Mit einem Eis auf der Hand mache ich mich in Richtung Bus auf. In der Herberge warten die anderen auf uns und morgen früh geht’s im Bus wieder Richtung Deutschland.

Ich realisiere – ich bin wirklich angekommen! Ich habe tatsächlich die Vätternrundan 2017 gefahren und gefinisht und es war gar nicht schlimm. Es war ein großartiges und wunderbares langes Wochenende, an dem ich viele tolle Leute kennen gelernt habe und die entspannte Haltung der Schweden genießen durfte. Ein Wochenende, an dem ich über mich hinausgewachsen bin, aber gleichzeitig eine wunderbar entspannte Tour genießen durfte.

Ich weiß nun endlich wie Blaubeersuppe und Lakritzeis schmecken und, dass saure Gurken genauso widerlich sind, wie gedacht. Und ich werde mein neues Vätternrundan-T- Shirt mit großem Stolz tragen.

Ob ich wiederkomme? Die Chancen stehen hoch!
Jetzt erst mal stolz sein, genießen und erholen. 🙂

Claude

Claude ist nach langer Radabstinenz, und mehr als 20 kg Übergewicht, seit 2008 mit dem Fahrrad unterwegs; nicht gut, aber mit Freude. Neben gesunder Ernährung sind es v.a. ‚Gadgets‘ und neue Produkte rund ums Rad, die ihn interessieren. Sein Herzblut hängt an der Vätternrundan in Schweden – 300 km die ihm jedes Jahr aufs neue Respekt abverlangen.

1 Antwort

  1. Elliott Buckworm sagt:

    Gänsepelle Deluxe, selbst beim Lesen

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