Halbvättern zur Einstimmung


Schöne Wege beim Halbvättern

– Gestern stand der „Halbe“ an. Der Halvättern bzw. Halbvättern mit 150 km geht natürlich nicht halb um den See, sondern am Ostufer entlang und dann irgendwann vom See weg und wieder zurück nach Motala. Selbst der erste Teil, der Weg von Motala in den Süden, ist nur teilweise mit der Vätternrundan-Strecke identisch.

Der Halbe gefällt mir eigentlich noch besser als die der Vätternrundan, weil man m.E. mehr von der schönen schwedischen Landschaft sieht. Große Findlinge am Wegesrand, schöne Wälder, Seen, rote und gelbe Holzhäuschen, Blumen am Wegesrand … „Schöne-Wege-Tour“ könnte man den Halbvättern nennen. Alleine für dafür lohnt sich schon die Fahrt nach Motala, wie ich finde.

Leider hatte ich stressbedingt meine Fly12-Frontkamera vergessen, weshalb ich nun weder Screenshots noch Videos zeigen kann. Warum? Dazu gleich mehr.

Schnelle Zeit?

Eine schnelle Zeit, da war ich mir sicher, würde ich nicht fahren können. Ich rechnete etwa mit einer Stunde mehr als bei meiner Bestzeit aus 2012, als ich nach 4:35h wieder im Ziel war.

Zwar hatte ich im April auf Mallorca gut trainiert, aber dann war ich länger krank, inklusive Antibiotikaeinnahme. Außerdem hatte ich krankheitsbedingt den Formtest am 1. Mai, Eschborn-Frankfurt, ausfallen lassen müssen. So fehlte mir 2017 bisher jede Rennerfahrung. Entsprechend nervös war ich vor dem Start des Halbvättern, noch als im im Startblock stand.

Stress schon vor dem Start

Am Abend vor dem Halben, dem Anreisetag nach Motala, gab es abends reichlich Bierchen, weshalb ich, gegen Mitternacht, viel zu spät im Bett lag. Gegen fünf in der Früh war ich wieder wach und konnte nicht mehr einschlafen, sodass ich schon um sechs am Frühstückstisch saß.

Meine Startzeit war 9:42 Uhr. Genau wie beim richtigen Vättern, gehen auch beim Halben alle zwei Minuten Startgruppen von ca. 60 Fahrern raus, die mit dem Motorrad aus dem Stadtgebiet eskortiert werden, bevor man Gas geben darf.

Gegen viertel vor neun, mein Rad stand schon mit vollen Flaschen vor dem Vorzelt, legte ich mir im Wohnwagen die zum Wetter passende Radklamotten raus.

Es war 19° warm und sonnig, aber gegen 12 war, zumindest für Motala, Regen angesagt. Die Wahrscheinlichkeit, die letzten zwei Stunden im Regen zu fahren, war groß. Ich entschied mich deshalb für Wollsocken, eine kurze Sommer-BIB, Armlinge, Unterhemd, Windstopperunterhemd und Trikot. Die Gore Regenjacke sollte in die Rückentasche.

Vor dem Anziehen, ganz wichtig, sollte die Gesäßcreme geschmiert werden. Ich nehme übrigens die Creme von Eule, die schon Jan Ullrichs Hintern gut tat.

Die Hand noch nicht ganz im Creme-Topf hörte ich es draußen scheppern. Shit, das Rad musste umgefallen sein. Nackt wie ich war konnte ich nicht sofort rausrennen. Also schnell die BIB-Short angezogen und „oben ohne“ raus gerannt. Was ich geahnt hatte, war Wirklichkeit. Eine Boe hatte das Litespeed umgeweht. Es lag, wie sollte es anders sein, voll aus dem Schaltwerk. Was das bedeuten kann, hatte ich auf Mallorca schmerzlich erfahren müssen.

In der Tat war auch diesmal das Schaltwerk verbogen. Stress pur. So viel Zeit zum Richten war ja nicht mehr, v.a. nicht mir Richtwerkzeug. Also versuchte ich es mit der Hand. Mit kräftigem Zug am Schaltwerk bog ich das Schaltauge nach außen und versuche zu schalten. Nach dem dritten Versuch war es einigermaßen o.k., auch wenn die Schaltperformance meiner SRAM eTap nicht ganz einwandfrei war.

Die verschmierten Finger notdürftig gesäubert, zog ich mir schnell die restlichen Klamotten an, steckte mir Gels, die Regenjacke, iPhone und Portemonnaie in die Rückentaschen und fuhr Richtung Start. Dabei versuchte ich, mit der Feineinstellung der eTap (auf der Schalthebelinnenseite – das funktioniert während der Fahrt) das Schaltwerk zu justieren, was einigermaßen gelang.

Vorher machte Thomas, der eine spätere Startzeit hatte, schnell das obligatorische Vorher-Foto.


Gegen 9:20 Uhr war ich dann im Startbereich, wo ich zwei kleine, aber stümperhafte, Facebook-Live-Videos gesendet habe. Das muss ich noch üben.

Als ich im Startblock stand, war ich, ob der fehlenden Rennerfahrung, ziemlich nervös. So stand ich nicht ganz vorne an der Schnur, die durch Absenken die Startgruppe frei gibt. In dritter Reihe fahrend, rollerten wir hinter dem Motorrad her, das uns an die Stadtgrenze eskortierte.

Dann ging es los. Ich heftete mich ans Hinterrad zweier Schweden im typisch blau-gelben Trikot, mit denen ich mich kurz im Startblock unterhalten hatte.

Sie waren schnell, sehr schnell. Nach zehn Kilometern war ich froh, dass wir auf eine größere Gruppe aufgefahren waren, an die ich mich dran hängte. Meine zwei Kollegen vom Start fuhren auf und davon.

Slätte

Die Gruppe fuhr in grünen Trikots mit Aufschrift „Bike Slätte“. Ich war geich dahinter. Zunächst jedenfalls.

Nach einigen Kilometern quetschten sich drei Gesellen zwischen Slätte und mich, weil ich aus Vorsichtsgründen nicht akkurat am Hinterrad des letzten Slätte-Mannes fuhr.

Dennoch war ich froh die Gruppe zu haben, den es herrschte kräftiger Gegenwind.

Rotzer

Nach kurzer Zeit war mir aber der Spaß vergangen. Einer der neu hinzu gekommenen Herren rotzte andauernd links und rechts nach hinten, ohne sich vorher umzuschauen. Mehrfach hatte ich die Rotze im Gesicht.

So überholte ich erst einmal die Gruppe, machte vor Slätte einige Minuten Tempo, bis ich merkte, dass sie nicht mehr am Hinterrad waren.

Mein eigenes Tempo war mir selbst zu schnell und so nahm ich raus. Kurz vor dem ersten Depot hatte Slätte mich wieder ein- und überholt. Die Kleingruppe mit dem rotzenden Gesellen war leider auch noch dran.

Meine Hoffnung, dass der Rotzer am Depot anhält, Slätte aber weiter fährt, wurde nicht erfüllt. Alle ließen das Depot liegen.

Gleich nach dem Depot knickt die Strecke nach links ab in ein Waldgebiet, das direkt am See liegt. Dort wird es eng und steil. Die ersten 2 Kilometer haben im Schnitt 5% Steigung. Danach geht es wellig auf dem 2,5 Meter breiten Waldweg weiter.

Da beim Halbvättern einige tausend Radsportler mitfahren, aber auch Hausfrauen mit Damenrand und ältere Herren auf Trekking-Bikes, fährt man in dem Abschnitt ruhig und besonnen. Die meisten jedenfalls.

Vor Slätte befand sich im Gedränge eine weitere Gruppe, in Dunkelblau mit neongelbem Streifen den Rücken.

Unvorsichtige Deppen

Irgendwann im Anstieg merket ich, umsichtig fahrend, dass von hinten ein Pärchen der dunkelblauen Gruppe den Berg hoch geknallt kam, schneller als alle anderen. Er links am Straßenrand, sie rechts daneben mittig auf dem Weg. Seine Hand an ihrem Hintern, schob er sie den Anstieg hoch, um Anschluss an die Gruppe zu bekommen. Wild brüllten sie alles aus dem Weg, mich eingeschlossen, nur um wieder nach vorne fahren zu können.

Solche Deppen!

Kaum an mir vorbei, machte einer der Slätte-Fahrer nicht rechtzeitig Platz. Er hatte das Rufen offensichtlich nicht gehört. So schob der dunkelblaue Volldepp seine Dame ins Hinterrad des Slättefahrers. Mit viel Glück wurde ein Massensturz verhindert, in den ich sicherlich sonst auch verwickelt worden wäre.

Warum das ganze?

20 Kilometer weiter war die dunkelblaue Deppengruppe komplett versprengt, weil die Fahrer keine einheitliche Leistungsklasse hatten. Warum muss man dann vorher solche Aktionen machen und sich und andere gefährden? Es geht beim Halbvättern doch um nichts.

Spitting Anita

Weiter ging es und Slätte war immer noch vor mir, mit gutem Tempo. Ich, vorsichtig, eine Radlänge dahinter.

Dann überholten wir Anita Rosenquist, Team Ride of Hope, die sich genau zwischen Slätte und mich quetschen musste. Brutal mit der Brechstange, nur auf sich bedacht, egal was hinter ihr geschieht, schon sie sich in die Lücke.

Anita sieht aus wie eine ausgemergelte, gealterte Marathonläuferin mit streichholzdünnen Beinchen, roch nach Schweiß bzw. ungewaschenen Klamotten und rotzte kräftig nach hinten, genau wie der andere Typ von vorher. Ekelhaft!

Insgesamt dreimal traf sie mich. Einmal, als ich in einer Steigung links an ihr vorbei wollte, weil ich den Geruch nicht mehr ertrug, rotzte sie durchs linke Nasenloch, ansatzlos, ohne die Hand vom Lenker zu nehmen. Ihre Ladung landete Breitseite auf meinem rechten Schienbein; glücklicherweise nicht im Gesicht. Sorry, aber so was macht man nicht!

Irgendwann, sie kramte in ihrer Oberrohrtasche, klaffte eine Lücke zwischen Slätte und Anita. Die Gelegenheit für mich zu überholen. Mit viel Kraft kämpfte ich mich an Slätte heran. Leider hatte Spitting Anita mein Hinterrad gekrallt  und im Windschatten ebenfalls den Anschluss geschafft. Was machte die dumme Kuh? Sie fuhr an mir vorbei und quetschte sich wieder zwischen Slätte und mich. Offenbar hatte sie Angst, die Gruppe wieder zu verlieren, wenn sie nicht direkt dran war.

Beim nächsten Depot fuhr Slätte raus und Spitting Anita mit. Sie wollte weiter von dem Speed-Train profitieren, auch wenn die Pause einige Minuten kosten würde.

Alleine weiter, auf dem Weg zu Sub-5

Ich hingegen fuhr weiter. Alleine für mich und schneller als alle, die um mich auf der Strecke waren.

Rechts in der Leistengegend scheuerte die Fahrradhose, die ziemlich verrutscht war und ich realisierte, dass ich wegen des Fahrradumfallers am Morgen, keine Eule-Creme aufgetragen hatte. Aber das war nun nebensächlich.

Wie vermutet begann es nach 70 km zu nieseln. Richtig nass war es aber nicht.

Meine Zeit, so realisierte ich nach etwa 100 km, würde locker unter 5 Stunden bleiben, selbst wenn ich die letzten 50 km einbrechen sollte.

Aber das passierte nicht.

Ca. 20 km vor dem Ziel überholte mich Slätte, Anita im Schlepptau. Sie hatten im Team komplett den Zeitverlust durch die Depot-Pause wettgemacht.

Nicht nur das. Sie fuhren an mir vorbei und ich konnte das Tempo nicht halten, obwohl ich schnell unterwegs war.

So hatte ich Slätte einige Kilometer vor mir, bis sie irgendwann nicht mehr zu sehen waren.

Regen, aber scheiß drauf!

10 km vor dem Ziel kam dann der Regen, heftig und stark. Die Gore One Shakedry Regenjacke steckte in der Rückentasche, wo sie auch blieb. Anhalten war nicht drin. Ich wollte eine gute Zeit fahren und kämpfte. Schließlich waren es nur noch max. 15 Minuten im Sattel.

Dann war ich im Ziel.

4:34h auf 150 km. Bestzeit!!!

Slätte traf ich übrigens im Zielbereich und machte ein Selfie mit einem Teil der Gruppe. Egoisten-Anita war zum Glück schon weg.

Später gab es Mandelkuchen auf dem Campingplatz, als Thomas zurück war.

Spätestens beim Abendessen waren die verlorenen Kalorien wieder nachgeladen. Italienisches Bier (Danke an Alex) und deutscher Schnaps und Eierlikör taten ihr Übriges :-).

Geschifft hat es danach die ganze Nacht und auch heute blieb es kaum trocken.

Aber egal „Mission 1 accomplished“, „Mission 2 yet to come!“.


Über Claude

Claude ist nach langer Radabstinenz, und mehr als 20 kg Übergewicht, seit 2008 mit dem Fahrrad unterwegs; nicht gut, aber mit Freude. Neben gesunder Ernährung sind es v.a. ‚Gadgets‘ und neue Produkte rund ums Rad, die ihn interessieren. Sein Herzblut hängt an der Vätternrundan in Schweden – 300 km die ihm jedes Jahr aufs neue Respekt abverlangen.

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