Bikefitting – Teil 3 – Mein langer Weg zum Radlabor 3


Keine Ahnung zu haben ist meist der falsche Ratgeber

Mein erstes Rennrad aus 2009, Rahmengröße 54, war mir gefühlt ein Stück zu lang, obwohl der Händler (ein großer mit 0-8-15-Beratung) extra einen relativ kurzen Vorbau montiert hatte. Eigentlich glaubte ich, beim (Laden-)Kauf alles richtig gemacht  zu haben. Aber irgendwie passte es nicht. Oft schliefen mir Hände und Füße ein.

Mit meiner heutigen Erfahrung hätte ich mich zum Bikefitting geschickt. Damals sollte ein neuer, kürzerer Rahmen Abhilfe schaffen.

Mein Renner hatte ein abfallendes Oberrohr. Pragmatisch wurde  der Zollstock angelegt um den horizontalen Abstand zwischen Steuerkopf und Sattelstütze zu messen. Das Neue sollte ein – so meine Vorstellung – um einen Zentimeter kürzeres Oberrohr haben.

Da ich beim Rennraderstkauf vom Händler vor Ort gefühlt schlecht beraten worden war, sollte der Nachfolger ein Versenderrad werden.

Schnell war im Rose-Katalog mein Wunschrad ausgesucht. Rahmengröße 53, weil die Geometrietabelle ein um einen Zentimeter kürzeres Oberrohr auswies.

Telefonisch bestellt ging alles ganz easy. Die Lieferzeit war kurz und der Zusammenbau des Rads, selbst für Anfänger, ein Kinderspiel. Aber das ist ein anderes Thema.

Nachdem ich nachts geschraubt hatte (bis Mitternacht war Besuch da und ich konnte gar nicht abwarten, bis die Gäste gegangen waren), ging es gleich morgens zur Probefahrt. Die hinterließ einen gemischten Eindruck.

Ich hatte wahre eine Rakete gekauft. Das Rad war gefühlt um Welten agiler als der Vorgänger und beschleunigte wie Hölle.

Erschrocken war ich jedoch über die für mich ungewohnte, fast schon extreme Lenkerhöhe bzw. Sattelüberhöhung. Der Lenker meines neuen Red Bull (so hießen die Rose-Räder bis 2010) war gut 14 Zentimeter unter Sattelniveau. Autsch!

So schaute ich mir die Geometrietabelle meines neuen Rads genauer an und lernte, dass die Länge des Steuerrohrs – die im Grunde die Sattelüberhöhung bestimmt – in Abhängigkeit zur Rahmengröße steht.

Verglichen mit der nächsten Rahmengröße (55er) hatte ich mir ein 0,5 Zentimeter kürzeres Oberrohr mit 2,5 (!) Zentimeter weniger Steuerrohr erkauft.

Optimales Sitzen geht anders. Das wusste ich spätestens jetzt.

Die extreme Sitzüberhöhung konnte ich leidlich mit einem 2,5 Zentimeter hohen Spacerturm und dem auf +6° gedrehten Vorbau ausgleichen.

Glücklich wurde ich mit dem Rad aber nie, auch wegen der Optik.

Nach meinem Geschmack sollten Vorbau und Oberrohr in etwa eine Linie bilden, damit das Erscheinungsbild stimmt. Verbaut man den Vorbau mit positivem Winkel, bekommt man das nicht hin. Und über auf die Ästhetik  von Spacertürmen muss ich nicht weiter eingehen.

In der Konfiguration konnte ich aber einigermaßen gut sitzen und auch die 300 km der Vätternrundan in 2010 und 2011 ließen sich damit bewältigen.

Gleiche Rahmengrößen sind nicht gleich

Der 53er Rahmen war also ein Fehlkauf, wenn auch ein fahrbarer. Das musste ich eingestehen. Hätte ich stattdessen den 55er Rahmen bestellt, redete ich mir zwei Jahre lang ein, wäre alles gut gewesen.

Irgendwann durchstöberte ich Online-Kleinanzeigen und stolperte über ein Rose Carbon RS mit Dura Ace und allem Schnick und Schnack, neun Monate alt, zu einem (zu?) attraktiven Preis … in Rahmengröße 55(!). Perfekt! Rahmengröße 55 und meine Probleme sind gelöst, dachte ich.

Vor Ort beim Verkäufer stellte sich heraus, dass das Rad (bzw. die Räder, denn er hatte mehrere davon) aus der Konkursmasse eines Continental-Teams stammten. In Größe 55 war nur ein Rad verfügbar. Es schien fast unberührt, weil der Sportler durchgehend verletzt gewesen war.

Kurz 100 Meter im Dunkeln Probe gefahren, Preis nachverhandelt, zum Geldautomaten gefahren …

Mann, was war ich stolz. So ein tolles Rad hatte ich noch nie besessen.

Aber auch bei diesem Rad musste ich wieder Lehrgeld zahlen.

Ich war davon ausgegangen, dass ein Rahmen von Rose (bzw. desselben Herstellers) von der Geometrie immer gleich ist, egal welches Modell, egal ob Alu oder Carbon.

Das Erwachen kam zuhause beim Nachmessen. Hatte ich erwartet, dass das Oberrohr des 55er Carbon-Rennrads, verglichen mit dem 53er Alu-Renner 0,5 Zentimeter länger war, musste ich > 1 Zentimeter messen.

Gefühlt hatte ich davon aber nichts, weil Oberrohrlänge nicht gleich Oberrohrlänge ist.

Oberrohrlänge ist nicht gleich Oberrohrlänge

Die Oberrohrlänge – das war mir zu der Zeit noch nicht klar – wird durch Steuerrohr- bzw. Steuerkopfwinkel und Sitzwinkel bestimmt.

Sind die unterschiedlich, sind zwei Räder mit gleicher Oberrohrlänge unterschiedlich lang. Maßgeblich für die „Länge“ ist v.a. der Steuerkopfwinkel. Dazu später mehr.

So hatte ich also 2012 einen 53er Red Bull Alu-Renner und ein 55er Rose Carbon-Rad, die sich in der „Länge“ so gut wie nicht unterschieden.

In der Höhe, soviel sei noch verraten, übrigens auch nicht.

Das gebrauchte Carbon-Rad gehörte vorher einem (Semi-)Profi.  Für den war der Gabelschaft so weit gekürzt, dass nur noch ein schmaler Spacer-Ring verbaut war. Trotz längerem Steuerrohr war es damit nur in etwa so „hoch“ wie das 53er mit Spacerturm.

Deshalb musste ich auch beim neuen Rad den Vorbau mit +6° fahren.

Bike-Ästhetik

Nun kam mir die Idee, einen längeren Vorbau zu wählen und mit -6°, also umgedreht, zu verbauen, um die Linie des Oberrohrs zu treffen.

-6° heißt ja nicht, dass wirklich ein negativer Winkel entsteht. Die -6% beziehen sich auf den rechten Winkel zum Gabelschaft, nicht zur Senkrechten.

-6° bedeutet also lediglich einen weniger steilen Anstieg des Vorbaus, verglichen mit einem auf +6° gedrehten Vorbau.

Meine Logik: Ein negativ verbauter Vorbau ist dann höher, wenn er gleichzeitig länger ist.

In der Tat sah das besser aus.

Weil ich damit aber zu gestreckt saß, verschob ich gleichzeitig den Sattel nach vorne. Passt ja dann.

Diesen Set-up fuhr ich den Rest der Saison und es kam, wie es kommen musste: ständige Knieschmerzen!

Bikefitting im Radlabor Frankfurt

Anfang 2013 hatte ich endlich einen Termin für Bikefitting bzw. Sitzpositionsanalyse beim Radlabor in Frankfurt.

Schon damals konnte das Radlabor Mensch und Maschine per Laser exakt vermessen. Außerdem gab es eine ausführliche Sitzpositionsanalyse und Beobachtung des Bewegungsablaufs. Heute geschieht das mit Videounterstützung. So kann man sich selbst ein Bild machen und bekommt vom Fitter alles am Bildschirm erklärt.

Wichtigstes Ergebnis meines Bikefitting waren meine Körpermaße und die daraus abgeleitete Sitzposition auf dem Rad.

Übrigens wurden die Sitzpositionswerte nicht stalinistisch vom Computer auf das Rad übertragen. Die Bewegungsanalyse brachte manuelle Korrekturen der vom Computer bestimmten Werte. So konnte die Sitzposition weiter optimiert werden.

Außerdem gab es noch Hinweise zur Verbesserung der Körperhaltung durch Core-Training, das ich danach zuhause auch für eine Weile durchzog.

Danach wurden meine Räder auf die neuen Werte angepasst, soweit sie es von ihren Geometrien und den mitgebrachten Vorbauten hergaben.

Bei beiden Rädern saß ich vorher einen Zentimeter zu hoch und der Sattel war fast drei Zentimeter zu weit vorne. Daher wohl die Knieschmerzen. Leider war mit keinem meiner verfügbaren Vorbauten (ich hatte eine Auswahl mitgebracht) die für mich ideale Sattelüberhöhung von 5,5 Zentimetern (bzw. der negativen Lenkerhöhe von -5,5 Zentimetern) zu erreichen. Hätte der 55er Carbon-Renner einen längeren Gabelschaft gehabt, wäre mit Spacern was zu machen gewesen.

Egal. Nun hatte ich die für mich relevanten Maße, die ich brauchte um ein neues Rad zu bestellen.

Kurz darauf kam das Rose Carbon RS in den Ausverkauf. Da ich das Modell schon hatte, nur mit zu kurzem Gabelschaft, wusste ich, dass es ansonsten einigermaßen passt. So bestellte ich ein neues mit genügend Spacern, um die erforderliche Lenkerhöhe zu erreichen.

 

Als das neue Rad da war, konnte ich es zuhause anhand meiner Daten kinderleicht einstellen. Spaßeshalber brachte ich das neue Rose beim nächsten Leistungstest mit ins Radlabor. Stefan Zelle kontrollierte freundlicherweise mit dem Laser die von mir vorgenommenen Einstellungen. In der Tat war das Rad fast auf den Millimeter genau richtig eingestellt.

Seither weiß ich, dass ich mit meinen Werten jedes Rad mit passender Rahmengröße auf mich anpassen kann.

 

Teil 1: Bikefitting – Denk‘ mal drüber nach

Teil 2: Mythen und (meine) Wahrheiten

Teil 4: Rahmengrößen-Beratung

Teil 5: Bikefitting  – Geometrie verständlich?!

 


Über Claude

Claude ist nach langer Radabstinenz, und mehr als 20 kg Übergewicht, seit 2008 mit dem Fahrrad unterwegs; nicht gut, aber mit Freude. Neben gesunder Ernährung sind es v.a. ‚Gadgets‘ und neue Produkte rund ums Rad, die ihn interessieren. Sein Herzblut hängt an der Vätternrundan in Schweden – 300 km die ihm jedes Jahr aufs neue Respekt abverlangen.


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3 Gedanken zu “Bikefitting – Teil 3 – Mein langer Weg zum Radlabor

  • Christiane

    Vielen Dank Claude, dass Du das mal aufgeschrieben hast! Hätte ich es bloß schon 2015 gelesen… Aber zumindest beruhigt es mich, dass andere diese Probleme auch haben / hatten.

  • Robert Pauli

    Du hast in mehreren Teilen gut und umfassend das Thema Bikefitting erläutert. Parallel dazu – fast als wäre es abgesprochen 😉 – ergänzt das aktuelle Heft der TOUR das Thema durch ihren Artikel. Ergänzend dazu möchte ich noch etwas, in meinen Augen Wichtiges hinzufügen:
    Das Radlabor wie auch die anderen in der TOUR beschriebenen Anbieter passen das Rad an die körperlichen Gegebenheiten des Fahrers an. Was aber, wenn der Fahrer körperliche Einschränkungen wie (grössere) Fehlstellungen, einseitige Beinlängenverkürzuungen etc. mitbringt? Für solche Fälle kann ich aus eigener guter Erfahrung auf einen Radbiometriker verweisen, der ausgebildeter Orthopädietechniker, Orthopädieschuhmacher, Biomechaniker und Bewegungsanalytiker ist und sich den „körperlichen Defiziten“ im Detail widmen kann. Er hat die Möglichkeit Beinlängenverkürzungen durch Umarbeituing der Radschuhe auszugleichen, er erstellt Fußdruckprofile und kann auf Basis der Ergebnisse maßgeschneiderte Einlagen fertigen etc. Sprich: Sein Spektrum geht weit über ein „normales“ Bikefitting hinaus. Er macht tolle Arbeit, beim „normalen“ Bikefitting und leistet unglaubliche Dienste für alle die, die – von Natur aus oder verletzungsbedingt – sehr individuelle körperliche Defizite mitbringen, die sich durch „Einstellungen“ am Rad nicht oder nicht ausreichend korrigieren lassen.
    Ich soll hier keinen Link einfügen. Aber vielleicht holst du das nach. Man findet ihn aber auch sofort bei Google unter folgenden Suchbegriffen: Jens Machacek Bikefitting
    Du kannst ihn ja auch mal besuchen und hier (ergänzend) berichten. Bad Soden ist für dich ja auch nicht aus der Welt…

    • Claude Beitragsautor

      Hallo Robert,

      vielen Dank. Seit ich 2013 im Radlabor war weiß ich, dass mein linkes Bein 0,4 cm kürzer ist. Das haben die also gemerkt.
      Bisher hatte ich aber keine Probleme damit.
      Aber Bad Soden wäre sicher ne Option und gäbe eine guten Artikel.

      Beste Grüße
      Claude